„Um fünf Uhr zehn weckt mich mein Jetlag. Mein Körper wähnt sich noch in der winterlichen Schweiz. Dort ist in den Niederungen der erste Schnee eingebrochen und allmählich wird es Zeit für das Mittagessen. Langsam setze ich mich auf. Der Kreislauf hat noch Mühe mit dem langen Flug. Ein wenig friere ich und verfluche die Klimaanlage, die über meinem Kopf ihren eiskalten Atem verströmt. Ich drücke den Off-Knopf und schiebe die Tür zur Terrasse meines Hotelzimmers ein Stück weit auf. Durch den schmalen Schlitz dringt augenblicklich feuchtwarme Luft herein und schenkt meinen müden Gliedern eine wohlige Umarmung. Draussen ist es bereits taghell und ich bin nicht die Einzige, die so früh schon auf den Beinen ist. Ein Chor aus tausend zwitschernden, quietschenden und kreischenden Vogelstimmen setzt gerade zum entscheidenden Crescendo an. In den Palmenblättern leuchten ihre bunten Federkostüme mit den Orchideen-Blüten um die Wette. Ein grüner Tucan blinzelt mich neugierig an. Ich danke meinem Jetlag im Geiste und halte den Atem an. Alles um mich herum lebt und pulsiert.“
Auszug aus Seazen, Frühling 2025.