{"id":5710,"date":"2019-10-18T21:55:48","date_gmt":"2019-10-18T19:55:48","guid":{"rendered":"https:\/\/lena-siep.de\/?p=5710"},"modified":"2019-10-27T16:41:00","modified_gmt":"2019-10-27T15:41:00","slug":"trabi-love","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lena-siep.de\/en\/trabi-love\/","title":{"rendered":"Deutsch"},"content":{"rendered":"<p>&#8220;Um dreiviertel elf hab ich hingeworfen, ich wei\u00df es genau.&#8221; Uli H\u00f6lig steht im August-Horch Museum in Zwickau, in den ehemaligen Hallen von Werk 2, wo er vor fast 30 Jahren seinen letzten Arbeitstag im VEB Sachsenring hatte. Dort, wo fr\u00fcher unter den rhythmischen Metallkl\u00e4ngen der Schlagschrauber die Trabis durch die Takte der Endmontage liefen, stehen jetzt hochgl\u00e4nzend polierte Fahrzeugexponate in einem schicken Schauraum aus dunkelgrauem Sichtbeton und Metall. Aber \u00fcber den Besuchern f\u00e4llt das Tageslicht immer noch durch die gleichen pyramidenf\u00f6rmigen Dachluken wie damals auf die Arbeiter. Uli H\u00f6lig sieht nach oben. &#8220;G\u00e4nsehaut&#8221;, fl\u00fcstert er. An den Moment, in dem er im Keller der Fabrikhalle den Blechschrank seiner Garderobe zum letzten Mal zutrat, erinnert er sich bis heute lebendig. W\u00fctend war er. Frustriert. \u00dcberdr\u00fcssig. F\u00fcnfzehn Jahre hatte er als &#8220;Sachsenringer&#8221; gearbeitet, von 1976 bis 1991. Zuerst als gelernter Karosseriebauer, sp\u00e4ter als Schlosser und LKW-Fahrer. Und das letzte halbe Jahr stand er schlie\u00dflich am Band in Werk 2 und baute den letzten 1.1ern die Tankstutzen ein. &#8220;Nach der Wende waren ja alle in den Westen abgehauen, da mussten auch die Letzten mit ans Flie\u00dfband, selbst die Sekret\u00e4rinnen aus den B\u00fcros&#8221;, erz\u00e4hlt Uli mit h\u00f6rbar s\u00e4chsischem Zungenschlag. Von urspr\u00fcnglich fast 15.000 Arbeitern waren im letzten Jahr nur noch knapp 2.000 \u00fcbrig. Uli war einer von denen, die geblieben waren. Und die, ein Jahr nach der Wende, nicht wussten, wie es weitergehen wird. Mit ihnen. Ohne Arbeit. Ohne Perspektive. Ohne Trabi.<\/p>\n<p>Uli H\u00f6lig schaut nicht zur\u00fcck. Was vergangen ist, ist vergangen. Deshalb war er auch in den drei Jahrzehnten nach der Wende erst ein einziges Mal im Horch-Museum. Und noch nie in Bautzen, wo sein Vater einsa\u00df und kurz nach seiner Freilassung starb. Und trotzdem f\u00e4hrt Uli H\u00f6lig auch heute noch Trabant und reist jedes Jahr zu mindestens f\u00fcnf Trabi-Treffen in ganz Europa. In der Szene ist er bekannt &#8220;wie ein bunter Hund&#8221;, sagt der 59-J\u00e4hrige, nicht ohne Stolz. &#8220;Der Trabi ist mein Lebenselixier.&#8221; Dabei wollte Uli lange Jahre nichts mehr von Trabis wissen. Nach der Schlie\u00dfung des Werks fand er einen Job bei VW. Aber schon bald erkrankte er an Bauchspeicheldr\u00fcsenkrebs und musste fr\u00fchzeitig in Rente gehen. Als er 2015 in die Kur nach Boltenhagen fuhr, entdeckte er vor der T\u00fcr des Hotels einen zweitaktigen Ost-Gef\u00e4hrten. Und dann noch einen. &#8220;Ich geh mal hin&#8221;, sagte er zu seiner Frau. Und kam von seinem ersten Trabi-Treffen mit einem Entschluss zur\u00fcck: &#8220;Ich kauf mir wieder einen&#8221;. Es wurden zwei. Ein pechschwarzer und ein Bentley-gr\u00fcnes Cabrio, beide mit edlen Chromleisten, komplett ausgestattet mit passenden Anh\u00e4ngern, Dachzelten und DDR-Memorabilien. Mit den Trabis verbringt Uli beinahe seine gesamte Freizeit. Die Aufbereitung ist kein Problem. Schlie\u00dflich hat der gelernte Schlosser zeitlebens an Trabis geschraubt und im Werk jahrelang Teile stibitzt. &#8220;Gemaust haben wir, wie die Raben&#8221;, lacht er. Das kommt ihm heute zugute. Er ist Teil eines Netzwerkes aus Trabi-Pannenhelfern, die liegengebliebenen Gef\u00e4hrten aus der Patsche helfen. Uli ist zust\u00e4ndig f\u00fcr den Raum Zwickau und steht auch gern mal nachts auf, wenn Not am Mann ist. &#8220;Wenn ich den Trabi nicht h\u00e4tte, w\u00e4r ich schon lange tot&#8221;, da ist er sich sicher.&#8221;<\/p>\n<p>Auszug aus einem Beitrag f\u00fcr &#8220;Trabi Love&#8221;. Erschienen im Delius Klasing Verlag 2019.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.delius-klasing.de\/trabi-love-11696\">Bestellen<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Um dreiviertel elf hab ich hingeworfen, ich wei\u00df es genau.&#8221; Uli H\u00f6lig steht im August-Horch Museum in Zwickau, in den ehemaligen Hallen von Werk 2, wo er vor fast 30 Jahren seinen letzten Arbeitstag im VEB Sachsenring hatte. 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